Sabine befand sich im Badezimmer und bereitete sich auf die Vernissage vor. Die Badezimmertür war halb geöffnet und wenn ich zur Seite schaute konnte ich sie sehen. Sie hatte geduscht, stand nackt vor dem Spiegel und fönte ihr Haar. Ich saß an meinem Schreibtisch. Vor mir stand der Bildschirm des PC. Hinter dem Schreibtisch war das große Fenster unseres Apartments im siebten Stock, von dem aus es einen weiten Blick über den Park gab, über die daran anschliessende Bahnanlage hinüber zum Neubauviertel. Den PC hatte ich eingeschaltet. Die Seite war weiß und rein gleich einer sauberen Tafel. Aber was hatte das schon zu bedeuten, rein und sauber? Ich tippte in die Tasten und sofort erschienen Buchstaben wie aus dem Nichts auf dem Bildschirm: Ich sitze vor meinem PC. Sabine befindet sich im Badezimmer. Sie macht sich fertig für die Vernissage. Ich ziehe die unterste Schreibtischschublade auf, wühle zwischen irgendwelchen Schriftstücken, halte den Brieföffner einen Augenblick nachdenklich in der Hand, lege ihn aber zurück und suche weiter bis ich es gefunden habe, das Stilett. Das Stilett ist griffig. Ich wiege es in meiner Hand und schaue hinüber zur Badezimmertür. Sabine steht nackt vor dem Spiegel und fönt ihre Haare. Wenn sie naß sind, schauen sie schwarz aus, obwohl Sabine brünett ist. Markant aber ist ihr Po wenn sie so unbefangen vor dem Spiegel steht und sich fönt. Er verformt die Perspektive meiner Wahrnehmung und gerät zum bestimmenden, meinen Blick konzentrierenden Mittelpunkt. Sabine ist schlank, wohlgeformt mit heller makelloser Haut. Wie warme Milch. Ihr milchwarme helle Haut und das Rot ihrer Lippen. Ein dunkeles, dabei aufreizend natürliches Rot. Milch und Blut. Wärme und Leben. Das Stilett schmiegt sich mit seinem spürbaren Gewicht in meine Hand, als wäre es ein natürlich gewachsenes Werkzeug - taxiert im Gewicht und in Entschlossenheit. Ich lege es neben die Tastatur auf den Schreibtisch. Vor dem dämmernden Abend sehe ich Sabine gespiegelt im Fensterglas, umhüllt vom gelben Licht des Badezimmers. Sie hat ihr Haar gefönt, nun bürstet sie es. Dabei legt sie ihren Kopf zur Seite und läßt das Haar auf die rechte Schulter fallen. "Wie spät ist es?" rief Sabine. "Es ist noch Zeit!" antwortete ich. "Was heißt noch Zeit? Arbeitest du?" "Ja!" Ich schaute eine Weile auf den Text meines Bildschirmes. Dann öffnete ich die unterste Schreibtischschublade und suchte das Stilett. Zunächst legte ich es neben die Tastatur, dann stand ich auf, packte den Griff fest in meine Faust und stieß das Messer in die Tischplatte. Leicht geneigt blieb es in dem Holz stecken. "Was ist los? Ist die etwas runtergefallen?" Ich schrieb: Das Stilett steckt in der Tischplatte. Griffbereit. Es federt kaum wenn ich dagegen stoße. Sabine hat mich gefragt, ob mir etwas runtergefallen sei. Sie weis weder, das ich ein Stilett besitze, noch das ich es in die Tischplatte gerammt habe. "Bist du taub oder lebst du nicht mehr?" "Wieso?" "Ich hatte gefragt, ob dir etwas runtergefallen sei!" "Ja." "Kaputt?" "Nein." Ich konnte Sabine nicht mehr sehen. Die Tür des Badezimmers war fast geschlossen. Ich hörte sie im Toilettenschrank kramen und ich schrieb: Sabine ist meinen Blicken verborgen. Es wird noch ein langer Abend, eine lange Nacht. Ich sehne mich auf die andere Seite der Welt, an einem weißen Strand vor einem türkisfarbenen Meer. Sabine sitzt vor mir im Sand und ich reiche ihr eine Kokosnuß. Hinter uns startet ein Düsenjet dröhnend in einen graublauen Himmel. Sabine lächelt als ihr die Kokosmilch von den Lippen auf die Brust tropft. "Willst du dich nicht umziehen?" Sabine stand in ihrem weißen Bademantel gehüllt in der Badezimmertür. "Es ist noch Zeit", sagte ich. Sie ging die Wendeltreppe hinauf in die Schlafebene unseres Apartments. Ich stand auf und stellte mich an das Fenster. Über der Stadt spannte sich eine graue Wolkendecke. Ich schaute hinunter in den Park. Ein paar Sträucher und Bäume ließen zaghaftes Grün erkennen. Von unserem Apartment aus war der Park vollständig zu überblicken. Und weil die Bäume noch keine Blätter trugen waren die meisten Wege und viele Winkel einsehbar. Zunächst glaubte ich, daß sich in dem Park kein Menschen befand. Doch dann entdeckte ich einen Jogger in einem hellgrauen Jogginganzug. Er war nicht allein, wie ich gleich darauf feststellte. Auf der anderen Seite, bei den Gleisen, lief noch einer, gekleidet in einem dunkelblauen Jogginganzug. Sie werden sich nicht sehen können, dachte ich. Vielleicht weis der eine nichts von dem anderen und jeder glaubt zu dieser Stunde allein in dem Park zu sein. Andererseits dachte ich, nein ich fühlte es, daß die beiden etwas miteinander zu tun hatten, selbst wenn sie sich nicht kannten und nichts voneinander wußten. Mir war, als sei nun der Abend gekommen, an dem sie etwas miteinander zu tun bekämen. Vielleicht versackten sie später zusammen in einer Kneipe um ihren Durst zu stillen. Oder sie lernten sich auf der Vernissage kennen, einander vorgestellt von Sabine. Ein Güterzug rattert über das Gleis- und Weichengewirr und zerriß meine Gedanken. Da entdecke ich noch eine Gestalt. Sie bewegt sich auf eine Bank zu, die genau dem spitzwinkeligen Schnittpunkt zweier langer Wege gegenüber stand. Die Gestalt setzte sich auf die Bank und wühlte in einer Tüte. Es war eine ältere Frau, die Abend für Abend in dem Park Tauben fütterte. "Ich finde, du solltest das weiße Jackett anziehen" rief Sabine. "Das würde gut passen?" "Wieso? Sind die Ausstellungsstücke schwarz?" Ich ging an den Schreibtisch zurück und tippte in die Tasten: Während zwei jüngere Männer durch den Park joggen geht eine alte Frau zu einer Parkbank die im Schnittpunkt zweier spitzwinkelig aufeinander zulaufender Wege steht. Mir ist der Name der Frau nicht bekannt, dennoch kenne ich sie, denn sie kommt jeden Abend um die Tauben zu füttern. Sie wohnt in irgend einem der gesichtslosen Mietshäuser, die in einer Zeile entlang einer benachbarten Straße stehen. Bestimmt ist ihr Mann schon vor längerer Zeit gestorben, und so geht sie in den Abendstunden in den Park, nicht nur um die Tauben zu füttern, sondern auch, um mit jemanden gesprochen zu haben, bevor sie in die Einsamkeit eines langen Fernsehabend taucht. Die beiden Jogger aber drehen ihre Runden und Sabine hat mich aufgefordert, das weiße Jackett zu tragen. Weiß, wie die Wärme der Milch. Und schon stelle ich mir Flecken auf dem Tuch vor. Rote Flecken. Mein Jackett baumelte zwischen den Stangen der Wendeltreppe. "Da ich annehme, daß du dich nicht so schnell hinaufbequemen wirst, reiche ich dir deine Sachen runter", rief Sabine und wackelte fordernd mit dem weißen Teil. Ich stand auf und nahm das Jackett wie die anderen Kleidungsstücke entgegen. Dann legte ich sie auf die Kautsch. Ich verteilte sie so, daß die ganze Kautsch von den Kleidungsstücken eingenommen wurde. Auf der Rückenlehne in der Mitte das Hemd, auf die Sitzfläche unterhalb den Schlips, rechts vom Hemd die Hose, links das Jakkett, die Socken je einen über die Rückenlehne ganz rechts und links, die Unterwäsche links und rechts über die Seitenlehnen. Eine Weile bemühte ich mich die Kleidungsstücke so zu legen, das je eines neben dem anderen gestaltet war und so zu dem ganzen in einer irgendwie gewollten Beziehung stand. Die Kautsch war nun bekleidet; ein Mensch war in ihr eingegangen und hatte sein Äußeres in skurriler Weise auf dem Möbel hinterlassen: als ein Zeugnis seiner vergangenen Existenz. Sabine nieste. "Gesundheit!" rief ich und setzte mich an meinem Schreibtisch zurück. Auf die Kautsch habe ich meine Kleidungsstücke verteilt. Die Kleidungsstücke, das Stilett in der Tischplatte, das weiße Jackett und rotes Blut. Ich sitze vor meinem PC und arrangiere. Ich tippe Buchstabe für Buchstabe in das Gerät, schaffe Buchstabengruppen mit einer Vielzahl von Bedeutungen, die ich in einer regelhaften Beziehung setze. Ich arrangiere Bilder, Gedanken, Abläufe. Ich wecke Vorstellungen, Erwartungen, Ahnungen. Ich spiele mit dem Hirn meiner Leser. Es ist eine schwabbelige, unförmige Masse, die ich mit meinen Arrangements zu jonglieren trachte. Es gilt als normal wenn es auch absurd ist. Es gefällt mir - mehr vielleicht als meinen Lesern. Ich schaue mich um. Sabine hatte sich geduscht, sie bereitete sich für die Vernissage vor und hat sich nebenbei Gedanken gemacht, in welcher Kleidung ich ihr zur Seite stehen soll. In dem spätwinterlichen Park vor unserem Haus hat sich eine alte Frau auf eine Bank gesetzt und füttert Tauben. Zwei Jogger eilen über die verschlungenen Wege. Hin und wieder donnert ein Zug über die Gleisanlage hinter dem Park. Der Himmel über allem ist grau und wird zunehmend dunkler. Die Hälfte der Autos fährt schon mit Licht. Ich stand auf und ging zum Fenster. Die alte Frau war von Tauben umringt. Sie streute Brotbrocken aus und wackelte mit dem Kopf. "Wie spät ist es?" rief Sabine. "Spät! Es wird schon dunkel." "Tatsächlich? - Danke!" Welches Ziel hat ein Jogger? Den Ausgangspunkt? Trotz wechselnder Richtungen läuft er im Kreis. Ich trat dicht an die Fensterscheibe heran. Vogelgesang war deutlich zu hören und im Neubauviertel leuchtete ein Fenster nach dem anderen auf. Ein Eilzug schlängelte sich durch die Weichen der Gleisanlage, als ein Jogger auf einem der geraden Wege einschwenkte, der direkt auf die Bank mit der alten Frau führte. Und wie verabredet hatte nun auch der zweite Jogger den anderen geraden Weg erreicht. Sie hatten ihre Runde gelaufen. Kannten sie sich wirklich nicht und wußten sie nicht voneinander? War das, was sich vor meinen Augen abspielte ein Arrangement des Zufalls? Ich schaute hinüber zu meinem Schreibtisch. Das Stilett steckte schräg in der Tischplatte. Es hatte etwas vergessenes an sich; etwas von einem vergangenen Ereignis. Es war Gegenstand einer Tat, die sich nicht erklären ließ. Etwas mußte vorgefallen sein, signalisierte das Messer, ohne dabei auch nur anzudeuten was. Es war ein absurde Tatsache, die mehr Fragen aufwarf und Assoziationen freisetzte als jemals beantwortbar wären. Ein unendliches Spiel mit Vorstellungen und Möglichkeiten. Die alte Frau warf den Tauben einen Brotbrocken nach dem anderen vor und wackelte mit ihrem Kopf. Die Jogger liefen auf den Schnittpunkt der Wege zu und ich stand am Fenster und schaute hinunter in den Park. Sabine stieg die Wendeltreppe hinab. Die Jogger hatten fast den Schnittpunkt erreicht, sie waren jetzt auf der Höhe der Hecke. Ich spürte, wie Sabine auf der Treppe stehen blieb und schaute. Sie schaute zum Kleiderarrangement auf der Kautsch, sie schaute zum Fenster, sah mich dort stehen und sie überlegte. Ich spürte, wie sie mich anschaute und wie sie nach einer Erklärung für das Gesehene suchte. Die Jogger hatten den Schnittpunkt erreicht: der eine schwenkte nach links, der andere nach rechts. Sie stießen gegeneinander und taumelten. Einer sank rücklings auf den Kies. Die Frau hörte auf mit dem Kopf zu wackeln und die Tauben flatterten in die Luft. "Bist du dir bewußt, das wir gleich einen Termin haben?" sagte Sabine. Ich hörte, wie sie die restlichen Stufen hinabstieg. Langsam drehte ich mich um. Sabine schaute zwischen der Kautsch und mir hin und her. Als sich unsere Blicke trafen wurde ihr Gesichtsausdruck nachdenklich. "Ist etwas?" fragte sie. "Nein." "Du schaust so traurig. Will dir dein Text nicht gelingen?" Ich antwortete nicht sondern ging an meinen Schreibtisch zurück. Sabine hatte sich vor die Kautsch gestellt und schaute sich amüsiert mein Arrangement an. Sie hatte mir ihren Rücken zugedreht. Ihre Haare hatte sie hochgebunden, so daß ihr Nacken frei war. Ich zog das Stilett aus der Tischplatte und während ich seine Entschlossenheit in meiner Hand spürte, hörte ich sie gegen die Kautsch sprechen: "Hübsch. - Ja, durchaus, das hat etwas. - Sollten wir mit in die Galerie nehmen. - Könnte Anklang finden. Bringt vielleicht mehr als deine Texte. - Dumm nur, das unser Auto zu klein ist um das Werk zu transportieren. Machst du mir das Kettchen zu?" Sie hielt in ihrer rechten Hand ein dünnes, goldenes Kettchen, mit dessen eigenartigem Verschluss sie ihre liebe Not hatte. Ich legte das Stilette auf den Schreibtisch und stellte mich dicht hinter sie. Sie roch gut. Frisch und warm. Ich faßte ihr an die Schultern und konnte sehen, wie sich die feinen Härchen auf ihrem Nacken bewegten. "Nein, - doch jetzt nicht", flüsterte sie. "Bitte." Ich nahm das Kettchen und legte es um ihren Hals. Überraschend schnell gelang es mir das Kettchen zu verschließen. Darauf küßte ich ihr auf den Nacken. Sie entwandt sich mir und ging zum Badezimmer. "Sei so lieb und beeile dich. Ich trag eben noch etwas Maske auf." Über den Park, die Gleisanlagen, über die Stadt legte sich die Nacht. Ich schaltete die Schreibtischlampe ein, öffnete die unterste Schublade und legte das Stilett hinein. Dann schrieb ich: Das große Fenster; der Blick hinab in den Park. Die kopfschüttelnde alte Frau; die Jogger. Sie werden sich gefangen haben. Sicher ist ihnen nichts geschehen; vielleicht eine Schramme hier, eine Beule dort. Möglich daß sie lachen. Anlaß genug um gemeinsam ein Bier zu trinken. Das Stilett habe ich in die Schublade zurückgelegt? Warum hatte ich es überhaupt herausgenommen? Warum habe ich geschrieben, was ich schrieb? Von Sabine, dem Park; von der Wendeltreppe, der Kautsch und meinem weißen Jackett? Was kann schon jemand erwarten, der mein Arrangement der Worte ließt, mein Arrangement der Kleidungsstücke sieht. Zeugen Socken rechts und links auf einer Kautschlehne von Ohren und Worte von Taten? Die wabbelige Maße Hirn im Kopf eines Lesers. Das warme, empfindsame Fleisch eines lebendigen Menschen. Das Unverständliche, Ärgerliche, Empörende wie Erschreckende. Etwas sinnloses, etwas langweiliges. Warum nahm ich das Stilett aus der Schublade, warum besitze ich überhaupt eines? Warum schreibe ich diesen Text, warum gab es diesen Abend; warum liest jemand einen solchen Text und mit welchen Erwartungen? Gleich wie es sei, es wird Zeit, das ich Schluß mache, das ich zu einem Ende komme. Ich setze einen Punkt. Jenseits des großen Fensters war es unterdessen dunkel geworden. Noch immer hatte ich mich nicht umgezogen. Es wurde nun wirklich Zeit. Die unterste Schublade stand etwas hervor, sie war nicht ganz zu. Sollte das etwas zu bedeuten haben? Alles bedeutet ja immer irgend etwas. Ich überflog meinen Text. Dabei stellte ich mir einen Leser vor. Das reizte mich zum Lachen und ich beendete das Textprogramm. Auf die Frage: "Datei speichern" reagierte ich mit einem Knopfdruck: POWER OFF (c) Klaus Dieter SchleyDas Stilett und die VernissageoderFingerübungen mit dem wabbeligen Hirn des Lesers